Die neue Kopenhagener Oper wurde ein riesiger Publikumserfolg. Doch zuvor lieferten sich zwei der mächtigsten Männer Dänemarks - der Reeder Mærsk McKinney Møller und der Star Architekt Henning Larsen - einen fast theaterreifen Kampf.
Am 15. Januar 2005 saß fast ganz Dänemark vor dem Fernseher, um die Einweihung des neuen, internationalen Opernhauses im Kopenhagener Hafen mitzuverfolgen. Zum ersten Mal vereinte das neue Gebäude die Dänen. Vorausgegangen war ein nationales Drama, eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen Gegnern und Befürwortern dieses Bauwerks. Alles begann an einem Sommertag im August 2000, als Dänemarks reichster Mann, Mærsk Mc-Kinney Møller - auch schlicht Herr Møller genannt, öffentlich verkündete, dem dänischen Staat und damit auch dem dänischen Volk ein Opernhaus von Weltniveau schenken zu wollen. Nie zuvor hatte der dänische Staat ein Geschenk dieser Größe empfangen - der Wert belief sich auf sage und schreibe knapp drei Milliarden Kronen.
Der im Jahre 1914 geborene Herr Møller hatte den Wunsch, sich selbst ein Denkmal setzen - für seine vorrangige Machtstellung in der dänischen Gesellschaft und nicht zuletzt für seine Karriere in der Wirtschaft, durch die Mærsk zur heute größten Reederei der Welt wurde. Dieses Denkmal sollte die Oper sein, deren Standort er sehr sorgfältig auswählte: Holmen, der Endpunkt der historischen Amalienborg-Achse, die an der Marmorkirche beginnt und damals noch am Springbrunnen des Amaliegartens endete, schien ihm perfekt.
Die Symbolkraft dieses Standorts ist unübersehbar. Vom obersten Foyer des Opernhauses aus hat man eine herrliche Aussicht auf einige symbolträchtige Bauwerke, die gewissermaßen die Wertvorstellungen des Herrn Møller repräsentieren. Die Mamorkirche direkt gegenüber fängt den Blick als Erstes - sie spiegelt seine christliche Lebensauffassung wider. Dann geht es weiter zur Amalienborg-Schlossanlage - ein Sinnbild für seine stark national und royal geprägte Gesinnung und auch seinen engen Kontakt zum Königshaus. Überdies liegt die Oper inmitten von maritimen Erinnerungen an die ehemals große Flotte, wie zum Beispiel dem Mastenkran von König Christian IV. Schließlich und endlich - und nicht zu vergessen - blickt man auf Møllers eigenen Hauptsitz an der Esplanade.
Unter dem Diktat des Herrn Møller
An das Geschenk wurde jedoch eine Bedingung geknüpft: Die Behörden sollten beim Bau keinerlei Mitspracherecht haben. Møller zahlte, Møller traf die Entscheidungen. Als Architekten wählte er einen von Dänemarks international anerkanntesten: Henning Larsen, auch bekannt als „Meister des Lichts". Keiner der am Bau beteiligten Personen durfte während der Bauarbeiten seine Meinung über das Opernhaus kundtun. Das vollendete Gebäude sollte der Staat schuldenfrei übernehmen und dann für die laufenden Kosten sorgen, die sich nebenbei er
wähnt auf bis zu 100 Millionen Kronen jährlich belaufen.
Nicht-Dänen dürften die aufgeheizten Debatten rund um den Bau des Opernhauses überraschen. Vielleicht hätte man vielmehr Dankbarkeit erwartet. Doch Dänemark ist ein Land, in dem Gleichbehandlung und Mitspracherecht wesentliche Werte sind. Daher versetzte Møllers unerschütterlicher Wille, alles allein zu entscheiden, die Nation in Schock und Aufruhr. Proteste wurden organisiert und Unterschriften gegen den Bau der Oper gesammelt. Gegen Herrn Møller wurde sogar Strafanzeige erstattet wegen Zuwiderhandlung gegen bereits bestehende Bebauungspläne. (Er wurde jedoch weder verhaftet noch verhört!) In der Politiken, einer großen dänischen Zeitung, die Herrn Møller gegenüber ohnehin kritisch eingestellt war, wurde eine täglich erscheinende Klatschspalte eingerichtet, in der es einzig und allein um die neuesten Entwicklungen im Operndrama ging. Schnell setzte sich in der Bevölkerung der Name „Toaster" als liebevolle Bezeichnung für das Bauwerk durch, dessen große Sprossenfenster in der nach Westen gewandten Glasfassade beleuchtet wie die Heizstäbe eines Toasters wirken.
Eisige Stimmung
Auch der Architekt Henning Larsen bekam die berüchtigte Schroffheit und Kompromisslosigkeit des Herrn Møller zu spüren. Vor Baubeginn hatten die beiden aufgrund der vorherigen Zusammenarbeit ein freundschaftliches Verhältnis gepflegt. Heute sprechen sie nicht mehr miteinander. Larsen folgte auch der Einladung zur oben genannten offiziellen Einweihung nicht. Herr Møller schwieg erwartungsgemäß zu diesem Thema. Nach der Fertigstellung der Oper machte sich Herr Larsen allerdings in einem sehr offenherzigen TV-Interview Luft. Er habe die Arbeit an der Oper nur aus Angst vollendet, da Møller ihm im Falle von Protest oder Widerspruch mit Gerichtsverfahren und Konkurs gedroht habe. Größter Streitpunkt sei die Glasfassade gewesen. Herr Møller habe auf Sprossenfenstern bestanden, die Henning Larsen an „ein portugiesisches Gefängnis" erinnerten.
Wie schon dem hässlichen Entlein aus Hans Christian Andersens Märchen, so wurde auch dem Opernhaus anfangs übel mitgespielt. Einige Architekturkritiker bezeichneten das Bauwerk gar als „megalomanisch und vulgär". Doch besonders aus dem Ausland, unter anderem von der New York Times, waren positivere Töne zu vernehmen.
Zweifellos hat das Opernhaus allerdings dazu beigetragen, Kopenhagen auf der Landkarte der Architektur deutlicher leuchten zu lassen. Bei den Kopenhagenern löst der „Toaster" jedoch immer noch emotional aufgeladene Diskussionen aus. Michael Christiansen, der Leiter des Königlichen Theaters, der auch für den Betrieb der Oper verantwortlich ist, freut sich über diese Debatte. Das Schlimmste wäre für ihn gewesen, wenn alle das Bauwerk schön gefunden hätten. „Dann hätten wir es wieder abgerissen", erklärte er kurz nach der Einweihung verschmitzt. Heute freue er sich über die eindeutigen Spuren, die Herr Møller hinterlassen hat. Sie gäben dem Haus diese gewisse „Putzigkeit", die sich der Theaterleiter eigentlich immer erhofft hatte. „Das Ganze sieht nicht so ... designt aus", meint er. Ob sich die Oper eines Tages vom hässlichen Entlein zum stolzen Schwan mausern wird und auch im eigenen Land Anerkennung findet, wird die Zeit zeigen - einiges deutet jedoch darauf hin. So strömen die Leute seit der Eröffnung in Scharen herbei, und auch die Führungen sind oft ausverkauft.